03. September 2026 - Die internationale Ordnung verändert sich grundlegend. Der Krieg in der Ukraine, Chinas zunehmender Machtanspruch, die handelspolitische Neuorientierung der USA und die strategische Neuausrichtung Europas wirken sich längst unmittelbar auf Unternehmen und ihre Lieferketten aus. Welche Konsequenzen daraus für die Logistik entstehen, erläutert Dr. Thomas Steinmüller im Interview mit der System Alliance Europe.
Herr Dr. Steinmüller, Sie sprechen von Geopolitik als einem neuen Treiber der Logistik. Warum?
Weil sich die Rahmenbedingungen der Weltwirtschaft fundamental verändert haben. Über Jahrzehnte konnten Unternehmen davon ausgehen, dass internationale Handelsbeziehungen relativ stabil sind, Märkte weiter zusammenwachsen und globale Lieferketten immer effizienter organisiert werden können. Diese Annahmen gelten nicht mehr uneingeschränkt. Russland, China, die USA und Europa verändern ihre strategischen Prioritäten. Handelskonflikte, Sanktionen, Zölle, neue politische Allianzen und Sicherheitsinteressen beeinflussen zunehmend wirtschaftliche Entscheidungen. Für Unternehmen bedeutet das: Geopolitische Risiken sind kein Sonderfall mehr. Sie gehören heute zum normalen Risikomanagement – und damit auch in die Logistikstrategie.
Was heißt das konkret für Lieferketten?
Die Logistik muss mit einer Welt umgehen, die weniger planbar geworden ist. Ein Beispiel sind die internationalen Seeverkehre. Wenn wichtige Routen nicht sicher genutzt werden können, verlängern sich Transportzeiten erheblich. Gleichzeitig steigen Kosten, Kapazitätsbedarf und Kapitalbindung. Hinzu kommen Handelsbarrieren und die zunehmende politische Bedeutung von Lieferketten. Unternehmen fragen sich heute sehr viel stärker: Wo produzieren wir? Wo beschaffen wir? Von welchen Ländern und Lieferanten sind wir abhängig?
Die Antwort lautet immer häufiger: Wir diversifizieren.
Bedeutet das eine Abkehr von der Globalisierung?
Nein. Globalisierung verschwindet nicht. Sie verändert aber ihren Charakter.
Die Frage lautet künftig weniger: Wie können wir möglichst kostengünstig weltweit beschaffen und produzieren? Die wichtigere Frage ist: Wie können wir globale Wertschöpfung so organisieren, dass sie auch bei politischen oder wirtschaftlichen Störungen funktioniert? Deshalb sehen wir Nearshoring und Friendshoring, eine stärkere regionale Diversifizierung und den Aufbau alternativer Lieferquellen. Globalisierung wird resilienter.
VON JUST-IN-TIME ZU JUST-IN-CASE
Was bedeutet das für die klassische Logistikstrategie „Just-in-Time“?
Just-in-Time verliert an Bedeutung, zumindest dort, wo Versorgungssicherheit kritisch ist. Jahrzehntelang war es das Ziel, Bestände möglichst weit zu reduzieren. Heute erleben wir eine Gegenbewegung: Just-in-Case. Unternehmen bauen wieder Sicherheitsbestände auf und verteilen diese teilweise auf mehrere Standorte. Besonders bei kritischen Komponenten kann ein zusätzlicher Bestand wirtschaftlich sinnvoll sein, wenn dadurch ein Produktionsstillstand verhindert wird. Das verändert auch die Rolle der Logistik. Lagerhaltung ist nicht mehr nur eine Frage der Effizienz. Sie wird zunehmend zu einer Frage der Resilienz.
Damit verändert sich auch die Bedeutung europäischer Logistiknetzwerke?
Ganz eindeutig. Gerade in einer volatileren Welt wird es wichtiger, über belastbare Alternativen und ein dichtes regionales Netzwerk zu verfügen. Ein europaweites Netzwerk kann beispielsweise helfen, Transportströme flexibler zu organisieren, regionale Marktkenntnis zu nutzen und auf veränderte Rahmenbedingungen schneller zu reagieren. Das gilt insbesondere für die Stückgutlogistik, bei der nicht eine einzelne Transportrelation, sondern das Zusammenspiel vieler Verbindungen entscheidend ist. Die Stärke liegt dabei in der Kombination aus lokaler Kompetenz und internationaler Vernetzung.
Ist das ein Wettbewerbsvorteil für mittelständisch geprägte Kooperationen wie die System Alliance Europe?
Ja. Gerade mittelständische, inhabergeführte Unternehmen bringen häufig eine hohe regionale Kompetenz und kurze Entscheidungswege mit. Wenn diese Stärken über ein europäisches Netzwerk verbunden werden, entsteht eine interessante Kombination: lokale Nähe und europäische Reichweite. Das ist in einem Umfeld wichtig, in dem Flexibilität zunehmend genauso relevant wird wie Skaleneffekte.
Welche Rolle spielt Digitalisierung dabei?
Eine immer größere. Wenn Lieferketten komplexer und volatiler werden, reicht es nicht mehr aus, ihren Status lediglich abzubilden. Unternehmen müssen Risiken möglichst früh erkennen und darauf reagieren können. Künstliche Intelligenz wird dabei eine wichtige Rolle spielen. Systeme können große Mengen an Daten analysieren, Risiken erkennen und künftig zunehmend auch Handlungsempfehlungen oder alternative Transportoptionen entwickeln. Aber Digitalisierung schafft gleichzeitig neue Risiken. Je stärker Logistikprozesse digital miteinander verbunden sind, desto wichtiger wird Cybersecurity.
Verändert die Entwicklung auch die Logistikimmobilien?
Ja. Wenn Unternehmen mehr Bestände vorhalten und Lieferketten regionaler organisieren, steigt der Bedarf an strategisch günstig gelegenen Lagerstandorten.
Gleichzeitig verändern sich die Immobilien selbst. Automatisierung, Robotik, Photovoltaik, Batteriespeicher und Ladeinfrastruktur machen aus dem klassischen Lager zunehmend einen multifunktionalen Infrastrukturstandort. Die Logistikimmobilie der Zukunft ist deshalb nicht nur Umschlag- und Lagerplatz. Sie kann gleichzeitig Energie erzeugen, speichern und bereitstellen – und damit Teil der Versorgungssicherheit werden.
Was ist aus Ihrer Sicht die wichtigste Konsequenz für die Logistikbranche?
Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass maximale Effizienz automatisch das optimale Ergebnis bedeutet. In einer stabilen Welt war es sinnvoll, Prozesse immer weiter zu optimieren, Bestände zu reduzieren und jede vermeidbare Redundanz aus den Lieferketten herauszunehmen. In einer instabileren Welt kann genau diese Redundanz aber einen Wert darstellen. Die entscheidende Kennzahl lautet deshalb zunehmend: Wie schnell und zuverlässig kann ich auf eine Störung reagieren?
Was bedeutet das für die kommenden Jahre?
Die Logistik wird nicht weniger international. Aber sie wird anders organisiert sein: stärker diversifiziert, digitaler und resilienter. Unternehmen müssen geopolitische Entwicklungen genauso beobachten wie Preise, Nachfrage oder Kapazitäten. Und Logistiknetzwerke müssen in der Lage sein, diese Veränderungen in konkrete Handlungsoptionen zu übersetzen. Die Logistik der Zukunft wird deshalb nicht nur Waren bewegen. Sie wird zunehmend darüber entscheiden, wie handlungsfähig Unternehmen in einer unsicheren Welt bleiben.
Herr Dr. Steinmüller, vielen Dank für das Gespräch.
Über Dr. Thomas Steinmüller
Der gefragte Berater und Keynote-Speaker ist internationaler Repräsentant des französischen Branchenverbandes Afilog und CEO der CapTen AG. Er gilt als exzellenter Kenner der internationalen Logistikwirtschaft. Im Mittelpunkt seiner Arbeit stehen die Auswirkungen technologischer und geopolitischer Veränderungen auf die Logistik.